Produktivitätshäppchen: Aufstieg, Niedergang oder etwas von beidem? Die Volkswirtschaften der Vereinigten Staaten und Europas im langjährigen Vergleich

Europa hat momentan Mühe, bei Wirtschaftskraft und Innovation den Anschluss an andere Regionen nicht zu verlieren. Dennoch ist es übertrieben, von einem Niedergang Europas zu sprechen. Die Zahlen sehen weniger dramatisch aus, als manchmal suggeriert wird. Europa hat schon seit dem Ende des Ersten Weltkriegs wirtschaftlich einen Rückstand auf die USA. Dies soll natürlich nicht dazu führen, die Hände heute in den Schoss zu lesen und die dringend notwendigen Veränderungen zur Stärkung von Wirtschaft und Innovation nicht anzupacken. Aber es soll der verbreiteten negativen Stimmung in Europa und vor allem auch in Deutschland entgegenwirken, die kaum förderlich ist, zukunftsgerichtete Massnahmen zu ergreifen. Die Schweiz hat keinen Grund, überheblich auf die anderen Länder Europas zu blicken. Denn aufgrund der gängigen Daten hat sie in den vergangenen Jahrzehnten im internationalen Vergleich deutlich an Vorsprung eingebüsst, vor allem vor der Jahrtausendwende. Man ist zwar immer noch merklich wohlhabender, aber der Abstand ist über die Zeit geringer geworden. Wenn ein Land im Niedergang ist, dann wäre es etwas provokativ ausgedrückt die Schweiz.

Viel wird momentan von den wirtschaftlichen Problemen Europas gesprochen. Tatsächlich haben viele Länder in Europa gerade Mühe, ökonomisch zu prosperieren. Die Europäische Union (EU) hat teilweise überreguliert und die grössten Volkswirtschaften Europas wie Deutschland, Frankreich, Italien und das Vereinigte Königreich (das ja nicht mehr Mitglied der EU ist) haben vor allem aufgrund hausgemachter Probleme wirtschaftliche Schwierigkeiten. Kleinere und mittlere Volkswirtschaften wie etwa Schweden, Dänemark, die Niederlande oder Irland schlagen sich wirtschaftlich im internationalen Vergleich recht gut und nehmen in verschiedenen Innovationsrankings die vorderen Plätze ein.

Interessante Beiträge und Analysen werden veröffentlicht, die Europa ökonomisch wieder mehr Schwung verleihen sollen (neben vielen anderen insbesondere die Berichte von Draghi und Letta). Kürzlich haben Luis Garicano, Bengt Holmström und Nicolas Petit einen lesenswerten und wichtigen Beitrag veröffentlicht: The Constitution of Innovation: A New European Renaissance. Mit vielen Punkten bin ich einverstanden. Allerdings bin ich über eine Abbildung gestolpert (Abbildung 1). Dort wird die ökonomische Entwicklung der Länder, die heute den Euroraum ausmachen, seit Ende des Zweiten Weltkriegs mit den Vereinigten Staaten verglichen. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf zeigt sich nach den Zerstörungen des Krieges ein deutlicher Aufholprozess Europas gegenüber den USA, der allerdings in den 1980er Jahren gestoppt und sich in geringem Umfang sogar umgekehrt hat. Der wirtschaftliche Abstand des Euroraums zu den USA ist in den vergangenen Jahren etwas grösser geworden.

Abbildung 1, Quelle: Luis Garicano, Bengt Holmström und Nicolas Petit

 

Bei einer etwas längerfristigen Betrachtung sieht man allerdings, dass Europa seit Ende des Ersten Weltkriegs konstant nur noch etwa 70 bis 80 Prozent des Wohlstandsniveaus der USA erreicht (Abbildung 2). Zweifelsfrei muss man im Hinterkopf behalten, dass die Datenlage immer unzuverlässiger wird, je weiter man in die Vergangenheit zurückgeht. Deutlich sieht man auch die lange anhaltenden wirtschaftlichen Schäden (neben allem anderen Leid, das noch viel grösser ist), die durch einen Krieg entstehen.

 

Abbildung 2

 

Die sich seit etwa den 1990er Jahren öffnende Lücke zwischen Europa und den USA erscheint vor diesem Hintergrund ein ernsthaftes Warnsignal zu sein, sieht aber in dieser Darstellung wenig dramatisch aus. Die Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren im Rückblick vor allem ein Aufholen nach den Zerstörungen des Krieges. Man sollte nun also nicht in eine Rhetorik des Niedergangs verfallen, sondern die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Europas der letzten Jahre zum Anlass nehmen, mit einer Besinnung auf die nach wie vor grossen Stärken gerade in der Industrie Reformen wie Bürokratieabbau und Innovationsoffenheit anzustossen.

Die Schweiz stellt einen Spezialfall dar, da ihre Wirtschaftskraft pro Kopf schon lange deutlich über dem Niveau in den Vereinigten Staaten und Europas lag. Allerdings zeigt sich zumindest bei diesen Daten seit den 1980er Jahren eine deutliche Einbusse des Vorsprungs. Seit der Jahrtausendwende konnte der geschmolzene Vorsprung auf die Vereinigten Staaten dann wieder in etwa gehalten werden. Ob dies mit den Bilateralen Verträgen und der Personenfreizügigkeit zusammenhängt, wissen wir nicht mit Sicherheit. Aber zweifelsfrei waren die Jahre seit der Jahrtausendwende für die Schweiz wirtschaftlich gute Jahre. Sie waren auch geprägt durch ein starkes Wachstum der Pharmabranche. Ob diese Entwicklung so weitergeht, ist auch angesichts der neuen Wirtschaftspolitik in den USA fraglich.

Interessant ist auch die Betrachtung der Arbeitsproduktivität – also des Bruttoinlandsprodukts pro Arbeitsstunde (Abbildung 3). Qualitativ sieht das Muster zwar ähnlich aus wie beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Aber es gibt auch interessante Unterschiede. So liegt die Produktivität in Europa nur wenig unter jener der Vereinigten Staaten. Die höhere Wirtschaftsleistung in den USA ist also auch auf mehr Arbeitsstunden zurückzuführen. Fundamental sind die Beschäftigten in Europa – gerade in Deutschland – nur unwesentlich weniger produktiv als auf der anderen Seite des Atlantiks. Bei der Betrachtung der Produktivität wird der Vorsprung der Schweiz gegenüber anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften geringer.

Insgesamt sollte die Betrachtung dieser langfristigen Entwicklungen für die Schweiz ein Warnsignal sein. Überheblichkeit ist fehl am Platz und der hohe Wohlstand nicht garantiert. Er kann schleichend erodieren, ohne dass man dies merkt. Unabhängig von der Diskussion um unser Verhältnis zur Europäischen Union und den Vereinigten Staaten sollten wir uns verstärkt Gedanken machen, wie wir unsere Produktivität und unseren Wohlstand halten und verbessern können.

 

Abbildung 3

 

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